Was ist Osteopathie?

Die Osteopathie ist zugleich Philosophie, Wissenschaft und Kunst in einem.

Konzept der Einheit von Struktur und Funktion

Die Philosophie der Osteopathie beinhaltet das Konzept der Einheit von Struktur und Funktion des Organismus im gesunden wie im kranken Zustand. Als Wissenschaft umfasst sie Teilbereiche der Biologie, Chemie und Physik im Dienste der Gesundheit sowie der Prävention, der Heilung und der Linderung von Krankheiten. Ihre Kunst besteht in der Anwendung dieser Philosophie und Wissenschaft in der Praxis.

Mit dem Patienten-Körper kommunizieren

Um dem hohen Anspruch gerecht zu werden, benötigen Osteopathen vor allem in der Anatomie und Physiologie umfassende medizinische Kenntnisse. Sie müssen sich die speziellen diagnostischen und therapeutischen Verfahren der Osteopathie aneignen, die philosophischen und konzeptionellen Grundlagen ihres Berufes kennen – und sie brauchen sensible Hände, die auf den Patientenkörper „hören“ und mit ihm „sprechen“ können.

Die Arbeit des Osteopathen

Osteopathen berücksichtigen gleichermaßen die Einheit des Körpers sowie das Wissen um seine Selbstheilungskräfte und die Wechselbeziehungen zwischen Strukturen und Funktionen. Der Osteopath verwendet keine Medikamente. Er behandelt die Körperstruktur des Patienten und wirkt so auf dessen Physiologie ein. Die eigentliche osteopathische Behandlung ist rein manuell. Die Ernährung, die psychische und soziale Situation sowie andere Lebensfaktoren des Patienten werden bei der Festlegung der Therapie berücksichtigt und in die Behandlung einbezogen.

Eine bescheidene Haltung und Respekt gegenüber dem Menschen in seiner Ganzheit sowie den sich selbst regulierenden Kräften des Menschen und der Natur sind inhärenter Bestandteil der Osteopathie.

Für Osteopathen sind alle Körpersysteme des Menschen miteinander verbunden. Diese Systeme agieren in einer kontinuierlichen Wechselbeziehung, um die Gesundheit des Menschen und sein Leben selbst zu gewährleisten. Die Osteopathie versteht sich als Kunst, die den Organismus zu einer Selbstkorrektur führt

J. P. Barral

Bereiche der Osteopathie

Das Verständnis der Wechselbeziehungen im Gesamtorganismus ist die Grundlage der osteopathischen Behandlung.

Aus didaktischen Gründen kann die Osteopathie jedoch auch in einzelne Bereiche unterteilt werden, denen jeweils bestimmte Teile des Organismus zugeordnet werden. Die daraus entstehende Vielfalt der osteopathischen Techniken ist an die Vielfalt der möglichen Ursachen für Bewegungsverluste von einem Knochenbruch bis zu den Ernährungs- und Lebensgewohnheiten oder psychischen Stressfaktoren angepasst. Allerdings wird der Osteopath bei der Diagnose zu Beginn der Behandlung immer alle Bereiche und damit den gesamten Organismus berücksichtigen. So werden zum Beispiel bei der Behandlung hormoneller oder nervaler Störungen oder der hämodynamischen, neurovegetativen und neurohormonellen Systeme immer alle Teilbereiche miteinbezogen.

Umfasst den Bewegungsapparat des Menschen, also die Knochen, Gelenke, Muskeln, Bänder und Faszien. Gezielte Impulse des Osteopathen können Bewegungseinschränkungen und abnorme Positionen von Muskeln, Gelenken, Bändern und Faszien korrigieren. So wird im Körper ein neues statisches und dynamisches Gleichgewicht etabliert.

Mehr über die parietale Osteopathie >>

Umfasst die inneren Organe des Menschen, also Magen, Darm, Leber, Milz, Nieren, Blase, Lunge, Herz etc. mit den dazugehörigen Blutgefäßen, Lymphgefäßen sowie den Nerven und Bindegeweben. In der Osteopathie werden die Beweglichkeit der Organe, die rhythmische Eigenbewegung der Organe und ihre ligamentären und faszialen Verbindungen behandelt. Die nervale Versorgung, die Durchblutung und die Funktion jedes Organs können bei Störungen so weit normalisiert werden, dass die Gesundung eingeleitet wird. So lassen sich zum Beispiel Verdauungsstörungen auflösen, Entgiftungsprozesse eingeleiten und Stoffwechselstörungen harmonisieren.

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Umfasst den Schädel und die Wirbelsäule des Menschen mit der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit, die Hirn- und Rückenmarkshäute und das Nervensystem. Mit Hilfe der kraniosakralen Osteopathie können die feinen Bewegungen des kraniosakralen Rhythmus harmonisiert werden, der wie der Herzschlag und die Atmung ein eigenständiger Körperrhythmus ist.

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Geschichte und Philosophie der Osteopathie

Verfahren der Heilkunde, wie die Osteopathie, entstehen in einem bestimmten soziokulturen, historischen und hermeneutischen Kontext. Diese prägenden Einflüsse werden für die jeweiligen Protagonisten jedoch häufig für so selbstverständlich gehalten, dass die zu Grunde liegenden Glaubensmodelle nicht selten weitgehend unreflektiert bleiben.
Wer die Osteopathie ausschließlich als eine Art Offenbarungslehre versteht, läuft Gefahr kultur-, sozial- und wissenschaftshistorische Bedingtheiten im Entstehungsprozess der Osteopathie zu negieren und sich dadurch evolutionären Potenzialen zu verschließen.

Entstehung der Osteopathie

Entwickelt wurde die Osteopathie vom US-Amerikaner Dr. Andrew Taylor Still (1828–1917). Obwohl Stills Begründung der Osteopathie für ihn als eine Art persönliche Offenbarung erlebt worden sein mag und – bis auf wenige Ausnahmen – keinerlei Referenzen in seinen Schriften zu finden sind, bestehen deutliche Hinweise kulturhistorischer Bedingungen und Einflüsse medizinischer Ideen seiner Zeit in der Entstehung der osteopathischen Lehre.

Ausgehend von persönlichen Schicksalsschlägen und aus der Auseinandersetzung mit einer in vielfacher Hinsicht starken Nebenwirkungen behafteten, gesundheitsschädlichen Medizin, entwickelte Still ein neues ganzheitliches medizinisches System, das er Osteopathie nannte. Im Jahre 1874 trat er mit seinen philosophischen und praktischen Grundlagen der Osteopathie zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.


Erste Wegweiser können bereits in der Kindheit Stills verortet werden. In der Tradition des Methodismus aufgewachsen – dessen Begründer Wesley eine strikte Alkoholabstinenz vertrat – wurde Still dadurch bereits möglicherweise gegen die Gabe von Drogen jeglicher Art sensibilisiert. Dies umso mehr als Alkohol zu den medizinisch verordneten Arzneimitteln gehörte. Abgesehen davon, dass die eigentliche medizinische Praxis Wesleys und der Methodistenprediger der heroischen Medizin sehr ähnlich war.


Ein weitere Aspekt ist die Naturverbundenheit, die sich seit frühster Kindheit durch sein Leben zieht und die sich auch in seinen gesamten Veröffentlichungen wiederfindet.

Dr. Andrew Taylor Still und sein persönlicher Hintergrund

Verschiedenste Einflüsse prägten die Entwicklung

Die bedeutsamsten Einflüsse für die Entwicklung der Osteopathie waren insbesondere die mit der industriellen Revolution und der newton’scher Wissenschaft einhergehende Sichtweisen über den Körper, die aufkommende Anatomisierungswelle, spirituelle Einflüsse durch den Methodismus, den amerikanischen Transzendentalismus mit dessen Seitenarm dem Spiritismus und Swedenborgianismus, sowie die damaligen Evolutionskonzepte.

Ein mündiges Verständnis osteopathischer Diagnostik- und Behandlungsverfahren bedingt neben Studien zu ihrer Wirksamkeit ebenso Beiträge zu historischen Themen, wie auch Diskussionen zu ihren philosophischen Grundgedanken, Sichtweisen, Modellen, Ansätzen und Techniken. Diese Kenntnisse ermöglichen einerseits Dynamiken und Glaubensmodelle innerhalb der Osteopathie adäquater zu beurteilen und andererseits bewusster an der Weiterentwicklung der Osteopathie mitzuwirken.

 

Der Begriff „Osteopathie“ leitet sich vom griechischen Wort „osteon/οστέον“ bzw. „ostoun/οστοῦν (Knochen, Bein) und „pathos/πάθος“ („das was einem zustößt“, Leid, Leidenskampf, Schmerz, Ereignis, Vorgang) her.

Philosophie, Sichtweisen, Modellen, Ansätzen und Techniken

Die praktische Ausübung

Die praktische Ausübung der Osteopathie stellt ein manuelles Medizinsystem dar. Der Schwerpunkt ist auf die Förderung von Gesundheit im Organismus gerichtet. Dies soll mittels spezieller manueller Diagnose- und Therapiemethoden erreicht werden, deren Hauptfokus auf strukturellen Beziehungen und Wechselwirkungen der verschiedenen Gewebe/Organsysteme und ihrer Funktion liegt.


„Die Osteopathie ist zugleich eine Philosophie, eine Wissenschaft und eine Kunst. Ihre Philosophie beinhaltet das Konzept von der Einheit von Struktur und Funktion des Organismus im gesunden wie im kranken Zustand. Als Wissenschaft umfaßt sie Biologie, Chemie und Physik im Dienst der Gesundheit sowie der Prävention, der Heilung und der Linderung von Krankheiten. Ihre Kunst besteht in der Anwendung dieser Philosophie und Wissenschaft in der Praxis der osteopathischen Medizin und Chirurgie sowie aller ihrer Fachbereiche.“ H. M. Wright, Perspectives in osteopathic medicine. Kirksville College of Osteopathic Medicine, Kirksville 1976.

Seit Beginn der Osteopathie stellt das Konzept der somatischen Dysfunktion ein zentrales Konzept innerhalb der Osteopathie dar. Zunächst bildete sich unter dem Begriff der „osteopathischen Läsion“ eine reiche klinische und einfache wissenschaftliche Tradition heraus. Mitte der 1960er-Jahre wurde dieser Begriff jedoch zum Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen osteopathischer und allopathischer Medizin, welche die Übernahme der Behandlungskosten der Osteopathie durch die Versicherungsträger bedrohte. Da dieser Begriff von Laien wenig verstanden wurde, prägte die US-amerikanische Osteopathin Ira Rumny den Begriff „somatische Dysfunktion“ als Ersatz für die „osteopathische Läsion“, ohne das Konzept damit zu verändern. In den folgenden Jahren breitete sich der Begriff der „somatischen Dysfunktion“ weiter aus und wurde schließlich vom Educational Council on Osteopathic Principles (ECOP) offiziell als Begriff der Wahl anerkannt.

Somatische Dysfunktion

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